2 Dezember 2020

Hans-Werner Sinn in Bestform

Biographien mag ich, allerdings bin ich skeptisch, wenn sie von noch lebenden Autoren stammen. Das mag an der Flut der B-Promi-Biographien liegen, in denen Stars und Sternchen um ihren 30. Geburtstag herum schonmal einen Blick auf ihr Leben schreiben (lassen). Nicht so bei Hans-Werner Sinn.

Deutschlands wohl renommiertester, auf alle Fälle aber einflussreichster Volkswirtschaftler hat sich zu seinem 70. Geburtstag eine Autobiographie gegönnt, die mit knapp 700 Seiten kein Leichtgewicht ist. Der Autor beschreibt seinen langen Weg von der Kindheit in bescheidenen, kleinbürgerlichen Verhältnissen hin zum erfolgreichen, weltweit vernetzten Wissenschaftler und Wissenschaftsmanager. Die Erinnerungen sind sehr persönlich, regen mitunter zum Schmunzeln an und lassen das Werden eines Mannes erkennen, der die Entwicklung Deutschlands in den vergangenen mindestens 30 Jahren nicht nur miterlebt, sondern oft auch mitgestaltet hat.

Das alles steht unter Sinns Lebensmotto „Auf der Suche nach der Wahrheit”, dem das Buch auch seinen Titel verdankt. Wer nun eine dröge Aneinanderreihung von Lebensstationen und Terminen erwartet, dürfte bei der Lektüre aufs Angenehmste enttäuscht werden. Sinn verbindet Privates mit Beruflichem, plaudert über Reiserlebnisse, ohne dabei aber ins Banale abzugleiten. Stets bleibt der rote Faden erkennbar, stets kann der Leser nachfühlen, welchen Einfluss z.B. die Tätigkeit in den USA, die abenteuerliche Reise durch Nordafrika oder Erlebnisse in der Mongolei auf den weiteren Weg des Wissenschaftlers hatten.

Vor allem aber beschränkt sich Hans-Werner Sinn nicht aufs Nacherzählen von 70 Lebensjahren. Nur zu gern gewährt er dem aufmerksamen Leser Einblicke in die Volkswirtschaftslehre, in seine Forschungen und seine (nicht immer erfolgreiche) Einflussnahme auf politische Entscheidungen. Mir persönlich hat die Lektüre eine Menge Einsichten in wirtschaftliche Zusammenhänge beschert, hat mich aber auch die teilweise Ignoranz von Politikern erkennen lassen, denen die nahe Wahl zum Deutschen Bundestag wichtiger ist als wissenschaftlich begründete Vorschläge eines Hans-Werner Sinn. Auf diese Weise bekommen sowohl Gerhard Schröder als auch Angela Merkel mehrfach ihr Fett weg. Das passiert nicht aus einer politischen Präferenz Sinns heraus, sondern aus der Position des Wissenschaftlers, dem eine Erkenntnis und deren Umsetzung näher liegt als populistische Entscheidungen zur Sicherung der eigenen Wiederwahl.

Arbeitsmarktreformen? Einwanderung ins Sozialsystem? Target-Salden? Selbstermächtigung der Regierung ohne parlamentatische Kontrolle? Hans-Werner Sinn hat sich mit seinen Forschungsergebnissen immer wieder Gefahren aufgezeigt, drohende Entwicklungen vorhergesagt und Lösungen angeboten, die von der Politik nur zu oft ignoriert wurden – sehr zum Schaden Deutschlands und seiner steuerzahlenden Bürger. Dabei liegt ihm Verbitterung fern. Sinn bleibt immer ein glühender Verfechter Europas. Das ist er auch dann, wenn er resümiert: „Wenn man das alles bedenkt, … wird es klar, welch großen Schaden der Euro für Deutschland hervorruft. Es wäre wirklich besser gewesen, die D-Mark zu behalten …

Eine kleine Kritik ist dennoch angebracht: Mich persönlich hat das dem anspruchsvollen Inhalt nicht immer angemessene Lektorat ein wenig geärgert, dem nach meinem Geschmack ein paar Fehler zu viel durchgerutscht sind. Das betrifft zum Glück fast ausschließlich Orthographie und Grammatik, lediglich im Kapitel über die Mongolei ist mir eine falsche Zahl aufgefallen (60.000 statt 60 Mio.). Mein Fazit: ein sehr lesenswertes Buch.

„Auf der Suche nach der Wahrheit”; Hans-Werner Sinn, Verlag Herder, 2018, 28,00 Euro, ISBN 978-3451347832


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Verfasst 2. Dezember 2020 von Ultra_ad in category "Gelesenes