21 Januar 2021

Was Angela Merkels Geleitzug mit Victor Klemperer zu tun hat

Manche Dinge versteht man nicht sofort, sondern erst nach einer gewissen (Lebens-)Zeit; dann aber umso gründlicher. Und so wie sich Goethes Faust einem pubertierenden Knaben kaum erschließt, erschloss sich mir “LTI” auch nicht im ersten Anlauf.An der “Penne”, die in meinem Fall Erweiterte Thomasoberschule hieß, hatte ich das Glück, vor allem mit sehr guten Lehrern zu tun zu haben. Einer von ihnen, Deutsch-/Englischlehrer Frank Melchert, regte uns zu eigenständigem Denken an und empfahl uns gelegentlich mit einem zum Grinsen neigenden Lächeln lehrplanfremde Lektüre. So kam es, dass ich Salinger, Hesse und Vonnegut las,  aber auch Victor Klemperers “LTI”.

Klemperer schildert in “Lingua Tertii Imperii”, das auf seinen Tagebuchaufzeichnungen basiert, die Sprache des Dritten Reiches; so, wie er sie als Jude im Dresden der Nazizeit erlebte. Beim ersten Lesen beeindruckte mich das Reclambändchen nicht wirklich. Ich war 17 oder 18 Jahre jung, steuerte aufs Abitur zu, las “LTI – Notizbuch eines Philologen” und legte es bei Seite. Das Dritte Reich lag fast 35 Jahre zurück; weit entfernte Geschichte. Mit Mitte 20 nahm ich das Buch erneut zur Hand und las mich fest, denn nun sprach das Buch zu mir. Es taten sich erstaunliche Parallelen auf zwischen der Sprache des Dritten Reiches, wie Klemperer sie genial analysiert hatte, und der Sprache, wie sie die Massenmedien der DDR gebrauchten. Der Hang zu Metaphern, zu technisch-mechanischem Vokabular (“ankurbeln”), die Personifizierung negativen Verhaltens (die finsteren Gestalten namens “Kohleklau” und “Wattfraß”), die Übernahme militärischer Termini in die Alltagssprache (“Ernteschlacht”) – all das machte mich, der ich damals erste Zweifel am “System” empfand, stutzig.

Sprache ist unser bevorzugtes Mittel der Kommunikation, sie übermittelt Informationen. Sie sagt aber auch eine Menge über denjenigen aus, der sie gebraucht; über sein Geschlecht, sein Alter, seine Stimmung, seine Bildung – und über seine Gedanken.Daran musste ich denken, als ich Angela Merkel vom “Geleitzug” sprechen hörte. Sie gebrauchte dieses Bild am 19. Januar 2021 in einer Pressekonferenz. Zuvor hatte sie mit den Ministerpräsidenten der Länder über das weitere Vorgehen in der Corona-Pandemie beraten. Dabei waren neue Einschränkungen beschlossen worden. Um diese zu begründen, sagte Merkel: “… Wir gehen darauf ein, dass der Inzidenzwert von 50 … in vielen Landkreisen nicht erreicht wird und dass deshalb … Maßnahmen dort getroffen werden können, wo dieser Inzidenzwert noch nicht erreicht wird, damit wir uns dann langsam sozusagen in einem Geleitzug in Richtung auf diesen Inzidenzwert … bewegen können.” Immerhin, die NZZ griff dieses Bild auf und sprach von “Merkels Geleitzug ins Ungewisse”. Deutsche Medien ignorierten die Bemerkung weitgehend.

Warum thematisiere ich das? Der Begriff Geleitzug stammt aus dem Seekrieg, er steht für einen Konvoi von Schiffen, die auf dieser Weise einer Bedrohung begegnen. In Zweiten Weltkrieg erlangten von Zerstörern und anderen Kriegsschiffen eskortierte Geleitzüge eine erhebliche Bedeutung, um angesichts der drohenden U-Boot-Gefahr mit möglichst geringen Verlusten den Zielhafen zu erreichen. Und selbst wenn die “Grauen Wölfe” einzelne “Schafe” aus dieser stählernen Herde heraustorpedierten, so erreichte im Regelfall doch der größte Teil der Fracht das Ziel. Das sprachliche Bild vom Geleitzug ist also zutiefst militärisch geprägt. Es geht um Kommando, Befehlsausführung, Unterordnung, nicht jedoch um Demokratie.

Wenn eine Politikerin wie Angela Merkel von einem “Geleitzug” spricht, tut sie das nicht spontan. Sie ist keine begnadete Rednerin, die Menschen mit Esprit und Emotionen mitreißen kann, Spontaneität ist ihr gänzlich fremd. Der “Geleitzug” dampfte ganz bewusst, nach reiflichem Abwägen und in voller Absicht durch Merkels Rede. Das macht es für mich umso schlimmer, um nicht zu sagen beängstigender, denn sie begibt sich damit in die direkte Traditionslinie der Sprache zweier deutscher Diktaturen.   –ad


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Verfasst 21. Januar 2021 von Ultra_ad in category "Berufliches", "Gelesenes

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