2 Februar 2021

Treppenstürze, Ölimporte und Scheidungsraten. Kleiner Exkurs in die Statistik (1)

Statistik ist das schwarze Schaf der Mathematik. Keine andere Teildisziplin dieser hehren Wissenschaft wird so häufig fehlgedeutet und verleumdet. Schuld daran ist nicht die Statistik, sondern das mangelnde Wissen bzw. der böse Wille derer, die sie ge- und nur zu oft missbrauchen. Das macht nachdenklich, deshalb widme ich der Statistik an dieser Stelle einige Gedanken … Wie schlimm es um das Ansehen der “Lehre von Daten über den Staat” (so nannte Gottfried Achenwall, der deutsche Begründer der Statistik, diese Wissenschaft)  bestellt ist, belegen die unzähligen vernichtenden Zitate, dessen wohl bekanntestes Winston Churchill zugeschrieben wird: “Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe.” Da passt es ganz gut, dass die Quellenangabe selbst falsch ist …

Wie schön sich schon mit nicht gefälschten Statistiken Schindluder treiben lässt, belegt der Umgang mit der Covid-19-Pandemie sehr deutlich. R-Wert? Inzidenz? Ewig kumulierte Fallzahlen? Opfer an und mit Covid 19? So lässt sich fast alles und jedes begründen. Aber dazu gelegentlich mehr. Mir geht es an dieser Stelle heute um etwas viel Simpleres, um Korrelationen und die von ihnen ausgehenden Gefahren.

Der Begriff Korrelation kommt aus dem Lateinischen und steht für “Wechselbeziehung” (correlatio). Allerdings spricht man von einer Korrelation auch dann, wenn zwischen zwei Größen kein Zusammenhang besteht und genau dort liegt der Hase im Pfeffer. Apropos: Der Bestand an Feldhasen ist in Deutschland seit Ende der 50er Jahre drastisch gesunken, die Art ist vom Aussterben bedroht. Am 4. Oktober 1957 begann mit Sputnik 1 die Raumfahrt, Jahr für Jahr starteten mehr Raketen ins All. Somit ergibt sich eine Korrelation zwischen Hasen und Raketen: Je mehr Raketen, desto weniger Hasen. Ist also die Raumfahrt schuld am Hasenschwund? Quatsch! Aber wie ist es bei anderen Korrelationen? Ist Unsinn stets so einfach zu erkennen?

Diesem Thema widmet sich eine herrlich schräge Seite im Netz. Die Macher dieser Seite sammeln unsinnige Korrelationen und stellen sie in herrlichen Grafiken dar. Beispiel gefällig? Es gibt eine 87-prozentige Korrelation zwischen dem Pro-Kopf-Verbrauch an Rindfleisch und der Zahl der Todesfälle durch Blitzschlag in den USA.  Noch ausgeprägter ist der (vermeintliche) Zusammenhang zwischen der Zahl der Hochzeiten in Wyoming und der in den USA verkaufen Pkw aus heimischer Produktion, er liegt bei 97,6 Prozent. Es gibt auch einen (scheinbaren) Zusammenhang zwischen Scheidungsrate und Margarineverbrauch bzw. der Häufigkeit tödlicher Treppenstürze und .. ach, lest einfach selbst.

Warum schreibe ich das? Weil ich verdeutlichen will, dass eine Korrelation zweier Größen nicht zwingend einen kausalen Zusammenhang zeigen muss. Es kann ihn geben – direkt oder indirekt -, aber eben auch nicht. Genau das wird aber gern missachtet, insbesondere dann, wenn eine Korrelation so schön in die eigene Agenda passt. Besonders anfällig für diese Art des Datenmissbrauchs sind Politiker, Journalisten und Haltungskünstler. Wer bis hierher mitgelesen hat, sollte in der Lage sein, für dieses Phänomen aktuelle Beispiele zu finden.

Noch ein Hinweis zur Kausalität. Auch an deren Namensgebung sind die alten Lateiner beteiligt, es geht um die Ursache (causa). Über die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung haben sich Philosophen seit Jahrtausenden Gedanken gemacht und erbittert gestritten. Dazu bei passender Gelegenheit mehr. Die oben angeführten Beispiele für zufällige Korrelationen sind natürlich ein Partybrüller, doch wer auf die Idee käme, für den Verzicht auf Rindfleisch zu werben, um Menschen vor Blitzschlag zu schützen, würde schnell für verrückt erklärt.

Doch genau das passiert, wenn auch weniger offensichtlich. Wird in einer medizinischen Fachzeitschrift die Korrelation eines Faktors x mit der Lebenserwartung oder der Häufigkeit einer bestimmten Erkrankung thematisiert, geschieht das stets mit dem Hinweis, dass die Ursachen für diesen statistischen Zusammenhang einer eingehenden Untersuchung bedürfen. Findet die Veröffentlichung jedoch den Weg in fachfremde journalistische Niederungen, heißt es prompt: “x erhöht die Krebsgefahr” o.ä. Was man dagegen tun kann? Nichts. Leider. Gegen Dummköpfe und Ignoranten ist kein Kraut gewachsen. Und wenn doch, steht seine Anwendung unter Strafe.


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Verfasst 2. Februar 2021 von Ultra_ad in category "Allgemeines", "Berufliches

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