1 Dezember 2020

Schnappatmend auf dem Weg in die Wüste

Wenn man ein paar Jahre selbstständig ist, erlebt man die eine oder andere verrückte Geschichte. Da ich seit 1991 mein eigener Chef bin, wurden es über die Jahre ein paar Geschichten mehr als bei anderen Leuten. Beispiel gefällig?

Es gab da mal einen Versicherungsvertreter, der meine Dienste in Anspruch nehmen wollte. Sein Name tut nichts zur Sache; ebensowenig, wie er auf mich kam. Nur so viel: Es lief irgendwie über drei Ecken. Jedenfalls sollte ich ihn vorteilhaft ablichten und um das Konterfei herum ein Werbeblatt bauen, das der Menschheit all die tollen Taten verkündet, die ein Versicherungsfuzzi im Dienste einer Münchner Klitsche so tut.

Das klang nicht nobelpreisverdächtig; aber was soll’s. Nach einer kurzen telefonischen Absprache zum Thema Inhalte, Budget und Honorar rollte ich zum Leipziger Monarchenhügel, wo der neue Kunde sein Domizil hatte. Die Begrüßung war überraschend. Mir kam ein vertikal etwas benachteiligter Mann mit leichtem Bauchansatz und schütterem Haar entgegen. Seine protzigklobige Armbanduhr schien ihn nach links zu ziehen; vielleicht war’s aber auch nur eine leichte Skoliose. Dem Herren zur Seite betrat eine in jeglicher Hinsicht gardemaßige Blondine von knapp einsachtzig Scheitelhöhe die Bühne. Der Zurschaustellung des Gardemaßes war der Umstand zuträglich, dass ihr leichtes Gewand in etwa eineinhalb Größen zu knapp bemessen zu sein schien, aber nur schien …

„Das ist meine Assistentin”, ließ mich der Kunde huldvoll von unten herauf wissen und lächelte der so Titulierten, die ihn um mehr als einen Kopf überragte, selig zu. Nach kurzem Smalltalk packte ich meine Kamera aus, während der Gebieter seine Hand über den wohlgeformten verlängerten Rücken seiner Assistentin gleiten ließ.

Das anschließende Fotoshooting war nervig. Der Kunde bestand darauf, nach so ziemlich jedem Druck auf den Auslöser einen Blick aufs Kameradisplay zu werden und nörgelte. Er fand sich “zu klein”, “zu schütter” und überhaupt “zu unvorteilhaft”. Nachdem diese Tortur ausgestanden war (Wer schonmal versucht hat, einen Ford Fiesta aus dritter Hand als Luxuslimousine abzulichten, kann das sicher nachvollziehen), sprachen wir über die Inhalte des geplanten Werbeblattes, während der Versicherungszwerg virtuos an seiner Assistentin herummittelfingerte.

Am Abend ging ich bei einem Glas Rotwein in mich, am nächsten Tag sagte ich den Auftrag ab. Nach einigem “Das können Sie doch nicht” kam die Frage nach dem Grund meiner Ablehnung. Ob es ums Geld gehe. „Nein”, machte ich deutlich. „Sie gefallen mir nicht.” Schnappatmung. Ab in die Wüste.

Epilog: Eineinhalb Jahre kam ich am Rande einer Veranstaltung mit einem Kollegen ins Gespräch. Wir schwatzten wie die Waschweiber über dies und das. „Mir ist da letztens ein Ding passiert”, setzte mein Kollege an. „Mit so einem Versicherungsheini, halbes Hähnchen, spielt den Macho und macht ständig mit seiner Tippse rum.” Meine Neugierde war entflammt. Besagter Kollege hatte den Auftrag angenommen und dabei reichlich Nerven gelassen. „Als es ans Zahlen ging, wurde der Typ richtig eklig. Erst als ich ihm mit Anwalt und Mahnbescheid kam, bewegte er sich.”

Ich sage es nur ungern, aber manchmal ist es gut, seinen Gefühlen zu folgen.



Verfasst 1. Dezember 2020 von Ultra_ad in category "Berufliches

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